Sesam, öffne dich! 0006-Root Cause
Happy Monday. Happy Sesam öffne dich.
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Einen richtig teuren Fehler....
Ich wusste, dass ich ihn würde erklären müssen.
Ich wusste nur noch nicht, dass genau dieser Fehler zu einem der größten Wendepunkte meiner Karriere werden würde.
Eigentlich hätte ich erwartet, dass jetzt über Geld und Schuldzuweisungen gesprochen wird. Über Verantwortung und die Konsequenzen ggfs. über meine Zukunft im Unternehmen.
Stattdessen bekam ich einen einzigen Auftrag.
Harika, please provide for the board a root cause analysis ready to present on Thursday 1:00 pm CET.
in anderen Worten:
"Bereiten bitte eine Root Cause Analysis für das Board vor."
Mein Fehler war für den Konzern richtig teuer, umso mehr hat mich die Reaktion überrascht.
Niemand stellte meine Kompetenz infrage. Niemand machte aus einem einzelnen Fehler ein grundsätzliches Problem. Die Fehlertoleranz war enorm hoch.
Eine Bedingung gab es allerdings.
Derselbe Fehler durfte mir kein zweites Mal passieren.
Also bekam ich den Auftrag, eine Root Cause Analysis vorzubereiten und dem Board vorzustellen. Ich sollte nicht nur erklären, was passiert war, sondern warum dieser Fehler überhaupt entstehen konnte.
Genau darum geht es bei einer Root Cause Analysis.
Du arbeitest dich auf der Rückwärtsspule durch ein Problem und fragst immer wieder: Warum?
Mindestens drei Mal, manchmal fünf Mal, manchmal sieben Mal.
Nicht, um dich im Problem zu verlieren, sondern um dich Schritt für Schritt vom sichtbaren Fehler zu seiner tatsächlichen Ursache zurückzuarbeiten.
Warum ist das Projekt gescheitert? Weil der Kunde abgesprungen ist.
Warum ist der Kunde abgesprungen? Weil wir zu spät geliefert haben.
Warum haben wir zu spät geliefert? Weil unser Freigabeprozess seit Monaten nicht funktioniert.
Warum funktioniert der Freigabeprozess nicht? Antwort xxxx
Mit der dritten oder vierten Warum Frage geht es plötzlich nicht mehr um den Kunden und auch nicht mehr um den verpassten Termin.
Es geht um den Prozess.
Geheimtipp: Wenn du deine proaktivität zeigen möchtest, kannst du ein Root Cause Analysis meeting aufsetzen und die Ursachen mancher Probleme demonstrieren. Solange es deinem Vorgesetzen den Rücke frei haltet und nicht zusätzliche Arbeit oder Kopfschmerzen zerbreitet wird er oder sie mit der umstrukturierung einverstanden sein. Das darf in dein annual review als dein Mehrwert für das Unternehmen rein.
Das ist der Unterschied zwischen einem Symptom und einer Ursache.
Wer nur das Symptom beseitigt, wird dasselbe Problem irgendwann wieder lösen müssen, weil das faule Ei im Korb geblieben ist und nach und nach alles andere mit verdirbt.
Ich saß damals vor dieser Analyse und dachte: Verrückt eigentlich. Im Unternehmen akzeptieren wir keine Ursache zweimal. Privat leben wir manchmal Jahrzehnte mit derselben.
Damals befand ich mich selbst in einer privaten Situation, die alles andere als leicht war. Ehrlich gesagt, hatte ich deswegen einen unklaren Kopf. Private herausforderungen können sich auf unternehmerische Entscheidungen auswirken, so wie es mir passiert ist. Plötzlich sah ich mein eigenes Leben mit derselben Strenge, mit der ich im Konzern auf ein fehlerhaftes System geschaut hatte.
Warum akzeptieren wir im Unternehmen keinen Prozess, der immer wieder Geld verbrennt, während wir privat jahrelang mit etwas leben, das uns das Herz bricht oder uns Nacht für Nacht den Schlaf raubt?
Warum erkennen wir sofort, wenn ein Lieferant, ein Mitarbeiter oder ein System dem Unternehmen dauerhaft schadet, während wir bei uns selbst den ersten Fehler verzeihen, den zweiten und irgendwann auch den zehnten?
Ein gesundes Unternehmen kann es sich nicht leisten, ein faules Ei im Korb zu lassen. Es würde das gesamte System ungesund machen, ihm die Vision und die Reputation nehmen und es im schlimmsten Fall in den Bankrott treiben.
Privat nennen wir denselben Zustand irgendwann Gewohnheit und lernen, mit ihm zu leben.
Vor vielen Jahren sagte mir ein Bekannter über seine Ehe, sie plätschere einfach nur so vor sich hin. Sein Blick ins Leere als er mir das sagte, habe ich heute noch vor Augen.
In den zwanzig Jahren danach sind wir uns immer wieder begegnet. Er hat diesen Satz nie wieder gesagt. Er musste es auch nicht.
Man sieht einem Menschen an, ob er morgens aufsteht und lebt oder ob er sich in einem Konstrukt bewegt, das seit Jahren nur noch vor sich hin plätschert. Man erkennt es am ganzen Wesen.
Jedes Mal als ich ihn sah, fragte ich mich wie viele Träume dieses "vor sich hinplätschern " ihn schon gekostet haben muss.
Ein Unternehmen würde an dieser Stelle längst handeln.
Wir nennen es im Privatleben Gewohnheit und lernen oft, mit der Ursache zu leben.
Vielleicht verstehen jetzt auch die Menschen, die mit mir in privaten Sitzungen oder der Realitätsgestaltung arbeiten oder meine Seminare besuchen, warum meine Toleranzgranze gleich zero ist.
Es gibt für mich kaum etwas schlimmeres, als mit einer Ursache zu leben, die einem jeden Tag ein kleines Stück Lebensfreude, Kraft oder Zukunft nimmt.
Irgendwann wurde mir klar, dass die eigentliche Root Cause unseres Lebens häufig an einem Ort beginnt, den wir viel zu selten hinterfragen.
Beim CEO unseres Gehirns.
Dort beginnen unsere Entscheidungen. Dort wird bestimmt, worauf wir unseren Blick richten, was wir relativieren, was wir entschuldigen und worüber wir jahrelang hinwegsehen.
Genau darüber habe ich den Guide „Der CEO deines Gehirns“ geschrieben.
Wenn du auf dein eigenes Leben eine Root Cause Analysis anwenden würdest, welche Ursache wolltest du bewusst immer übersehen?
Und warum stört dich die Tasse deines Kollegen im Spülbecken mehr als die Root Cause, die dir seit Jahren den Schlaf raubt?
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